Amore Extra Vergine: Ein Wochenende in Umbrien

Posted on Mai 1, 2012 von

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Ein fast geheimer Ort in Assisi und das wahrscheinlich beste Olivenöl der Welt

Schmale Straßen, die sich den Hügel hinauf um Olivenbäume winden: Das Le Mandrie di San Paolo liegt an einem Ort, an dem Navigationssysteme aufgeben und vielleicht ist es ja gerade deshalb ein Geheimtipp.

Doch wie stolz man auch sein mag, dieses Juwel entdeckt zu haben, so geheim ist das Luxus B&B dann doch wieder nicht. Zumindest nicht unter Italienern. Ganze Familien (und wir alle wissen, wie dehnbar der Begriff „Familie“ in Italien ist) finden ihren Weg – insbesondere an Wochenenden – zu dem steinernen Landgut, das ursprünglich Teil eines Klosters war – aber gut, was ist das nicht, hier in Umbrien, wo es von geschichtsträchtigen Heiligtümern nur so wimmelt.

Oben angekommen hält man unwillkürlich inne, um für einen Augenblick den atemberaubenden Ausblick über das Tal mit seinen sanften mattgrünen Hügeln zu genießen.

Wenig später findet man sich in einen Monolog  des Hausherrn verwickelt, der die Besonderheiten des Hauses wie von der Kanzel predigt. Italiener sind stolz und Hausherr Alex ist das auch. Auf jede Fuge seines Landsitzes, auf das Essen in seinem Restaurant, in dem ‚la Mama‘ täglich nach dem Rechten sieht, und auf das Olivenöl, dem sein Herz gehört. Man kommt gar nicht daran vorbei, die Nase in die grüne Flasche zu stecken und sich vom intensiven Geruch in neue Sphären heben zu lassen. Es riecht nach frischem Gras und  feuchter Erde. Öl so dick wie Honig.

Besser als Medizin, schwört Alex, die Hände gefaltet und den Blick gen Himmel gerichtet. Und schon nimmt man bereitwillig einen Schluck Öl aus dem offerierten Glas in der Hoffnung sein Leben damit um Lichtjahre zu verlängern.

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Wie gerne hätte ich lange geschlafen und die Annehmlichkeiten der Suite am Ende des langen Steingebäudes bis zu später Stunde ausgekostet. Doch nach einem schnellen Frühstück steht Alex bereits in den Startlöchern für eine gemeinsame Fahrt ins Tal. Er sei mit der Herstellung von Olivenöl aufgewachsen, seine Oma hätte damals die Flaschen noch einzeln per Hand abgefüllt. Und gerade als ich der romantischen Vorstellung einer alten hölzernen Olivenpresse verfalle, betreten wir ein wahres Hightech-Werk aus Behältern, Röhren, Schaltern und Knöpfen. Akribisch erklärt Alex den Prozess von der Ernte bis zur Abfüllung. Nach vielen Ohhs und Aahhs nehmen wir einen weiteren Schluck im Verkostungsraum. Kann ja nicht schaden. Während der Erntezeit wird hier auch der offene Kamin entfacht. Alex zeigt uns sein nächstes Projekt: Auf der Baustelle nebenan wird fleißig gehämmert und gebohrt. Hier soll im Herbst ein Verkaufsshop entstehen. Dahinter ein Zimmer mit großem Fenster: Nach täglich 16 Stunden Arbeit zur Erntezeit findet er es praktischer, gleich am Ort des Geschehens zu übernachten.

„Das hier ist mein Leben! Und soll ich euch verraten, warum mein Olivenöl so einzigartig ist? Die Anwort ist: AMORE!“

Dabei darf die typisch italienische Geste, bei der Daumen, Zeige- und Mittelfinger theatralisch in der Luft zusammengeführt werden, nicht fehlen. Mit Nerdbrille, Dreitagebart, Cordjacke und Wollschal um den Hals mimt Alex den perfekten Großgrundbesitzer – stilvoll und bodenständig zugleich. Er verreist nie, sagt er, und dabei strahlen seine Augen als wäre der übermäßige Genuss seines Öls der direkte Weg zur Erleuchtung.

Später machen wir noch einen Abstecher nach Spello. Empfehlung des Hausherrn, keine Widerrede.

Mamma mia, das kleine Örtchen mit seinen kopfsteingepflasterten Gassen und üppig bepflanzten Blumentöpfen neben jeder Haustüre ist viel zu schön, um wahr zu sein. Bevor uns die Unwirklichkeit einer Truman-Show einholt, fahren wir zurück auf unseren Hügel. Diesmal gleich ohne Navi. Der glückselige Blick des omnipräsenten Alex bestätigt unsere Entscheidung, ein Abendessen in seinem Restaurant einer X-beliebigen Pizzeria vorzuziehen.

Und so isst man sich ungefragt durch vier Gänge. Eine Speisekarte existiert nicht. Stattdessen predigt Alex, was zur Auswahl steht. Spätestens als das Kaninchen erwähnt wird, das im Morgengrauen noch fröhlich seine Runden ums Haus zog, offenbare ich meine vegetarischen Wünsche.  Das Kaminfeuer knistert und auch der Rotwein hält hier oben in der etwas rauheren Luft Leib und Seele warm. Während sich volle und leere Teller lustvoll auf unserem Tisch abwechseln, wird eifrig Brot in die Olivenessenz getaucht, als hätte man dafür eine extra Abstellkammer in der Magengegend. Wir nähern uns dem Tiramisu und das Restaurant füllt mit besagten italienischen Familien. Das Hungergefühl in südlichen Gefielden stellt sich bekanntlich erst zu späterer Stunde ein.

Der Gastgeber läuft zur Hochform auf! Hände werden geschüttelt, Schultern geklopft und Küsschen aufgedrückt. Im Vorbeigehen noch schnell ein Gläschen Pasito für uns.

Hausgemacht versteht sich. Magen und Augen werden allmählich müde und müder. Wie gut, dass das Schlafgemach nur ein paar Stufen entfernt liegt. Noch einmal den liebvoll restaurierten Türstock bewundern, den Ausblick auf das Tal mit seinen tausend kleinen Lichtern und die Fugen des Terrakotta-Bodens. Der Steinboden fühlt sich warm an. Fußbodenheizung oder nur die aufsteigende Wärme der unter der Suite liegenden Küche? Ja, das könnte man sich fragen, würde man nicht schon längst in ein Traumland voller Olivenbäume abtauchen.

Follow Your Trolley REISETIPPS & TRICKS:

ANREISE: Flug München-Florenz mit Air Dolomiti/Lufthansa (gebucht über L’Tur), per Mietwagen nach Assisi (gebucht über Sixt / Entfernung 170 km, Fahrzeit ca. 2 Stunden)

ÜBERNACHTUNG: Agriturismo Le Mandrie di San Paolo ad Assisi (gebucht über booking.com). Extras, die man nicht erwarten würde: Infinity-Pool mit Blick auf das Tal, privat nutzbares Spa mit Dampfbad und Saune (15 Euro). Extras, die man vermissen könnte: WIFI ist vorhanden, die Reichweite allerdings gering (Code auf Nachfrage). Das Frühstück typisch italienisch, sprich hervorragender Cappucco, aber kein frisches Obst bzw. Gurken oder Tomaten.

FLASHPACKING-TIPP: Ausflüge nach Assisi und Perugia. Weniger touristisch und ein echtes romantisches Highlight: das Örtchen Spello! Unbedingt eine Flasche Olivenöl mit viel Amore in den Trolley packen und mit nach Hause nehmen!